Wege aus der Einsamkeit: Die Verbinderei
Masterarbeit von Hannah Winter
Wie kann Architektur Einsamkeit lindern und neue Verbindungen schaffen? Der Entwurf »Verbinderei« verwandelt ein leerstehendes Bürogebäude der 1960er Jahre in einen offenen Ort für Begegnung und Rückzug. Räumliche Überlagerungen, gemeinschaftliche Angebote und fließende Übergänge fördern soziale Nähe – ohne Zwang. Verfasst wurde der Entwurf als Masterarbeit von Hannah Winter im Studiengang »Kommunikation im Raum« am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Mainz.
Umgestaltung eines Bürogebäudes in einen gemeinschaftsfördernden, einsamkeitsresilienten Wohn – und Begegnungsort
Einsamkeit stellt eine wachsende gesellschaftliche Herausforderung dar. Viele Menschen leben sozial isoliert oder fühlen sich trotz räumlicher Nähe zu anderen einsam. Das Bedürfnis nach sozialer Verbindung betrifft Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen: junge wie ältere Personen, Menschen mit Einschränkungen, Menschen in Einpersonenhaushalten, pflegebedürftige Menschen, Personen mit Fluchtgeschichte, Mitglieder der LGBTQAI*-Community sowie Menschen mit hoher Care-Arbeit oder begrenzten finanziellen Ressourcen. Die Verbinderei begegnet diesem Thema auf räumlicher Ebene und versteht Architektur bewusst als vermittelnde Instanz. Ziel ist es, Räume zu schaffen, die Vertrauen ermöglichen, Begegnung zulassen und Einsamkeit zwar nicht vollständig lösen können, aber durch räumliche Offenheit, Wahlfreiheit und soziale Durchlässigkeit dabei helfen, sie zu überwinden.
Als räumliches Setting dient ein leerstehendes Bürogebäude aus den 1960er Jahren, stellvertretend für städteübergreifenden Büroleerstand. Dem Entwurf gingen eine vertiefte Recherche zum Thema Einsamkeit sowie eine Analyse des Umfelds des Bestandsgebäudes voraus, einschließlich einer Untersuchung des lokalen Einsamkeitsrisikos. Das Konzept setzt gezielt dort an, wo ein mittleres bis hohes Risiko identifiziert wurde, und verknüpft das Gebäude mit vorhandenen Akteur:innen im Quartier. Institutionen wie die Mainzer Tafel, das Integrationsamt und Bildungseinrichtungen können sich die öffentlichen Bereiche der Verbinderei aneignen und über ihre eigenen Teilnehmenden neu Zugänge schaffen, und somit neue Netzwerke, Schnittstellen und Kooperationen im Stadtteil aufbauen.
Im Zentrum steht das Prinzip der Verbindung. Typologisch wird dem Bestandsgebäude eine Art »Spange« übergestülpt. Diese ermöglicht konstruktiv das Auskragen aus dem Bestand und schafft neue räumliche Qualitäten sowie »Drinnen-Draußen«-Momente. Dadurch entstehen sowohl horizontal als auch vertikal Begegnungsmöglichkeiten; über Laubengänge, Treppen, Brücken, Terrassen und innenliegende Loggien. Der für die Stadtgesellschaft geöffnete Innenhof und das aktive Erdgeschoss bieten Angebote, die Menschen zusammenbringen und zugleich Anwesenheit ohne aktive Teilnahme ermöglichen. Formate wie Gesprächsrunden, Spaziertreffs, Sprachkurse oder Digitalworkshops für Senior:innen setzen niedrigschwellig am Thema Einsamkeit an und unterstützen den Aufbau sozialer Beziehungen.
Das Grundrisskonzept übersetzt Typologien des Stadtraums – inklusive ihrer atmosphärischen Elemente – wie Gehwege, Plätze und Parks, die normalerweise soziale Begegnung in der Stadtgesellschaft ermöglichen, in den Innenraum. Verkehrsflächen werden zu Verbindungsflächen, Nischen zu Orten stiller Teilhabe, und Gemeinschaftsküchen übernehmen die Rolle von Plätzen und Parks als gemeinschaftliche Wohnräume der Aneignung. So schafft die Verbinderei neue Qualitäten, die Menschen miteinander sowie mit ihrer Umgebung und dem Außenraum verknüpfen. Diese Verknüpfung geschieht bewusst sensibel und kann auch passiv funktionieren, da viele von Einsamkeit Betroffene unter sozialen Ängsten leiden.
Die Materialität ist bewusst niedrigschwellig gewählt, um viele Menschen anzusprechen, ohne elitär zu wirken. Die Farben wurden farbpsychologisch ausgewählt und unterstützen eine vertrauensvolle Atmosphäre. Eine klare Orientierung und Farbcodierung stärken die Identifikation und das Sicherheitsgefühl.
Die Verbinderei zeigt, wie fließende Übergänge zwischen Innen- und Außenraum sowie zwischen privaten, halböffentlichen und öffentlichen Bereichen differenzierte Begegnungsräume schaffen können. Durch bewusst gestaltete Schwellen, Blickbeziehungen und flexible Nutzungen werden Kontakte ohne Zwang ermöglicht und zugleich die individuellen Bedürfnisse nach Rückzug und Nähe respektiert. Der Entwurf verbindet diese soziale Zielsetzung mit der nachhaltigen Umnutzung eines Bürogebäudes und leistet somit einen Beitrag zur sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit. Aus der Analyse und dem Entwurfsprozess wurden zudem Kriterien für einsamkeitsresilientes Gestalten abgeleitet. Diese können als übertragbarer Leitfaden von Anfang an in zukünftigen Projekten mitgedacht werden.
Zum Entwurf »Die Verbinderei«
Begleitende Präsentation zum Entwurf »Die Verbinderei«
Grazyna Adanzcyk-Arns, Projektleiterin bei der IBA’27:»Die Verbinderei – schon das Wort macht neugierig! In ihrer Arbeit verortet und gestaltet Hannah Winter die Angebote für Begegnung feinfüllig und geschickt. Es sind oft kleine Interaktionen, aber allesamt Chancen für große Effekte: Orte, an denen aus flüchtigen Momenten Austausch entsteht. Ein Gespräch auf einer Bank im Flur kann Lust auf den Besuch im Gemeinschaftsraum wecken. Besonders überzeugend ist, dass Hannah Winter Gemeinschaft nicht erzwingt, sondern räumlich ermöglicht – ihr Gebäude vermittelt, ganz im Sinne seines Namens. Die Umnutzung des leerstehenden Bürogebäudes bildet dafür die Grundlage und zeigt, wie flexibel sich dieser Bestand weiterdenken lässt.«
Studentin
Hannah Winter
Betreuerin
Prof. Anja Soeder
